Wiesn

Das Münchner Oktoberfest

Jahrmarktsfotografien

Gastbeitrag auf Kwerfeldein 2012:

Ich wohnte viele Jahre in einem Stadtviertel in der Nähe der Münchner Theresienwiese, auf der jedes Jahr das weltberühmte Oktoberfest, die sogenannte „Wiesn“, stattfindet. Mein Arbeitsweg führte an der Theresienwiese vorbei, sodass es naheliegend war, dieses Fest von allen seinen Seiten zu fotografieren. Was zunächst als kleine Fotografiestreifzüge begann, entwickelte sich über die Jahre zu einem sehr persönlichen Projekt.

Sehr bald merkte ich, dass mich die Motive in den Bierzelten nicht so reizten. Das Oktoberfest ist schließlich bekannt für das feucht-fröhliche Biertrinken, das teilweise sehr enthemmte Tanzen auf den Bierbänken, die Sepperlhüte-, Brezn- und Zigarrenverkäuferinnen, die strengen Ordnungshüter, die bayrischen Schlager-Tanzkapellen und natürlich die Bedienungen, die ein beachtliches Gewicht stemmen müssen, wenn sie zehn, zwölf oder gar fünfzehn gefüllte Maßkrüge an die Biertische tragen.

Viel mehr fand ich Gefallen an dem viel charmanteren Teil des Oktoberfestes. Neben den Bierzelten findet auf ca. einem Drittel der Fläche ein großer Jahrmarkt statt. Der Charme dieses Teiles liegt an der bunten Mischung aus Fahrgeschäften, Schießständen, Imbissbuden, Theater, Flohzirkus und vielen andere Attraktionen. Aber auch auf diesem Teil der Wiesn geht es laut zu. Durch Lautsprecher locken die Schausteller die Besucher auf die Achterbahnen, in die Geisterbahnen, auf die Riesenrutsch’n, zu den waghalsigen Motorradfahrern auf Pitt’s Todeswand und in die Autoskooter.

Parallel dazu schallt Disko-, Pop- oder Technomusik zu den wilden Fahrten auf den modernen Fahrgeschäften, die Namen wie Freefall, Power Tower, Techno Power, Top Spin, Free Style u.ä. tragen. Die Achterbahnwagen rauschen lärmend und in Begleitung schreiender Insassen oft wenige Meter an einem vorbei, während ein lautes Hupen nebenan die beginnende nächste Fahrt in einem Fahrgeschäft ankündigt und die Gäste vor dem Einsteigen abhalten soll.

Doch daneben finden sich auch viele leisere, traditionelle Fahrgeschäfte und Schausteller, wie das Riesenrad, das als Wahrzeichen von Weitem als erstes wahrgenommen wird, die Turmrutsche Toboggan, die Kettenkarusselle und andere, die zum Teil mehrere Jahrzehnte alt sind. Das Karussell „Krinoline“, auf der eine kleine Kapelle Blasmusik spielt, ist beispielsweise 88 Jahre alt und heute noch eine große Attraktion, vor allem für das ältere Publikum.

Diese bunte Mischung aus Folklore, Tradition und moderner Technik, aus wilder und beschaulicher Belustigung macht die Wiesn erst so liebenswert und ich beschloss, den Schwerpunkt auf diesen farbenfrohen und fröhlichen Teil zu legen und die Zwischentöne auszuarbeiten.

Um in diese Welt eintauchen zu können, musste ich mit einer möglichst kleinen Ausrüstung auskommen. Ich wollte flanieren, dabei gebrannte Mandeln essen und gelegentlich eine handliche Kamera zücken, um ein Foto zu schießen. Deshalb kaufte ich mir eine kleine Minox 35 GL.

Der Vorteil dieser Kamera war nicht nur, dass sie unauffällig war, sondern dass sie unschlagbar schnell betriebsbereit war. Ich hatte die Blende je nach Lichtverhältnis voreingestellt und brauchte dann für ein Motiv lediglich das Objektiv auszuklappen, die geschätzte Entfernung einzustellen und auszulösen.

Zu diesem Zeitpunkt experimentierte ich viel mit der Crossentwicklung von Diafilmen und das bunte und farbenfrohe Oktoberfest erschien mir eine gute und geeignete Gelegenheit, um diese Technik anzuwenden und auszuprobieren. Die erhöhten Kontraste, die Verfremdungseffekte durch die Fehlfarben, gemeinsam mit den Wischeffekten durch Bewegungsunschärfe erschien mir als eine gute Technik, um das lebendige und dynamische Treiben einzufangen.

Die blaue Stunde mit dem ausgeglichenen Mischlischt aus restlichem Tageslicht und Kunstlicht eignet sich besonders für kontrastreiche Crossentwicklung, da der Kontrastumfang zu diesem Zeitpunkt in dieser Motivwelt gering ist und die Bilder dadurch weniger Zeichnung verlieren.

Auch wenn die Crossentwicklung einen reizvollen Zufallsfaktor enthält, so konzentrierte ich mich bald nur noch auf zwei bis drei Filme, um kontrollierte und vergleichbare Ergebnisse zu erhalten. Ich belichtete die Filme meist eine Blende über oder ließ die Filme im Labor um eine Blende pushen. Als mein absoluter Lieblingsfilm entpuppte sich der Fujichrome Fortia SP 50, den es nur in Japan gab und der schon seit einigen Jahren nicht mehr hergestellt wird.

Seine Farben sind satt und kräftig und in der Crossentwicklung erhalten die Bilder einen warmen violetten und orangenen Ton. Ich hatte das sagenhafte Glück, dass ein Arbeitskollege – selbst ein begeisterter Fotograf – keine Verwendung mehr für diese aus Japan mitgebrachten Filme hatte und sie mir deshalb schenkte. Danke, Norman! Aber auch andere Filme, wie der Fujichrome Provia 100F mit einem grünlichen Grundton eignen sich hervorragend für diese Motive.

Die Ansprüche an die Kameras stiegen, da ich bald mit der Bildqualität unzufrieden wurde, vor allem wegen der geringen Zeichnung und dem damit verbundenen geringen Detailreichtum. So fotografierte ich eine Weile sehr gern mit meiner kleinsten und handlichsten Spiegelreflexkamera Mamiya ZE-2, doch irgendwann merkte ich, dass mir die Auflösung des Kleinbildformates nicht mehr genügte.

Also kaufte ich auf einem Flohmarkt eine sehr gut erhaltene Agfa Isoletta II aus den Fünfziger Jahren, die auf 120er Rollfilme 6×6-Bilder machte. Sie war betriebsbereit, sobald man eine Klappe öffnete und das Balgenobjektiv aus der Kamera stülpte. Da ich keinen Belichtungsmesser besaß, musste ich die Belichtung schätzen. Das klappte besser als ich dachte, lediglich die Entfernungsschätzung bereitete mir einige Schwierigkeiten, sodass ich immer wieder fehlfokussierte Bilder machte.

Zudem war der Sucher der Isoletta zu klein und zu ungenau, um vernünftige Bildkompositionen machen zu können. Mit meiner jetzigen Mittelformatkamera, der Zenza Bronica SQ-A aus den 80er Jahren, habe ich zwar eine recht große, aber dennoch handliche Kamera, die mir eine hohe Kontrolle in der Bildgestaltung und – vor allem wichtig für mich – Entfernungseinstellung ermöglicht.

Die Motivwelt des Oktoberfestes ist unerschöpflich, sodass ich die nächsten Jahren weiter in diesen zwei Münchner Ausnahmewochen auf dem Fest fotografieren werde. In meinem Kühlschrank warten noch viele Filme darauf, auf dem Oktoberfest belichtet zu werden!